Was ich gerade lese...


Cover Daniel Kehlmann: TyllIm Moment lese ich „Tyll“ von Daniel Kehlmann und bin von der kraftvollen Sprache begeistert. Da ich selbst historische Romane schreibe, war ich anfangs skeptisch über den Umstand, dass Kehlmann die Figur des Till Eulenspiegel einfach vom 14. ins 17. Jahrhundert verpflanzt, genauer gesagt in die Wirren des 30jährigen Kriegs. Das geht doch nicht, hatte ich gedacht – aber warum eigentlich nicht? Da die Lebensgeschichte des umherstreifenden Possenreißers Till Eulenspiegel, wie sie der Straßburger Buchdrucker Johannes Grüninger um 1515 publiziert hatte, ohnehin mehr oder weniger erfunden ist (wenn auch nach realem Vorbild), lässt sich das Ganze auch in eine spätere Zeit transportieren, wie ich meine.

Die Lektüre ist fast durchweg spannend, mal lustig und derb, mal traurig und niederdrückend. Das einzige, was mich jetzt, nach etwa Dreiviertel des Romans ein wenig stört, sind die vielen Sprünge – nicht nur zwischen verschiedenen Figuren, sondern auch auf den Zeitebenen wird munter hin und her gehüpft. So landet man als Leser unversehens wieder in der Jugend von Till und seiner Begleiterin Nele, wo man ihn eben noch in seiner närrischen Altersweisheit erlebt hat, ohne dass das erzählerisch als Rückblick ausgewiesen ist. Stilistisch passt das natürlich zu dem unsteten Leben eines Gauklers, meinetwegen aber müsste das nicht sein. Kehlmann hätte auch ruhig näher an der Hauptfigur und an dem Grauen des 30jährigen Krieges dran bleiben dürfen, dazu kommen historische Verwirrungen, wie der, dass im Deutschland des 17. Jahrhunderts Hexenprozesse nicht von geistlichen Inquisitoren (hier taten sich die Dominikaner und nicht etwa, wie im Roman, die Jesuiten hervor), sondern von weltlichen Gerichten geführt wurden. Trotzdem ein Buch, auf das ich mich jeden Abend freue.

Übrigens: Meine letzte private Lektüre, „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, hat mir rein gar nicht gefallen – mehr will ich dazu nicht einmal schreiben.

Daniel Kehlmann: „Tyll“. 474 Seiten


zurück zu Extras