Hintergrundinformationen zur Serafina-Krimireihe


Freiburg zu Beginn des 15. Jahrhunderts

files/AstridFritz/bilder ab Vagabundin/Enslen_Freiburger_Muenster 192px.jpgDie einst so stolze Zähringerstadt Freiburg im Breisgau hatte noch jahrzehntelang Mühe, sich von den Folgen der großen Pest von 1349 und dem Niedergang des Silberbergbaus zu erholen. Von den verschwenderischen Grafen von Freiburg hatten sich die selbstbewussten Bürger zwar inzwischen freigekämpft und sich 1368 dem Hause Habsburg-Österreich unterstellt, doch der alte Glanz als wichtigste rechtsrheinische Handelsstadt zwischen Basel und Frankfurt wurde im ausgehenden Mittelalter nicht wieder erreicht. Häuser standen vielfach leer und verfielen, Grundstücke lagen brach. Man war auf das Niveau einer Handwerkerstadt mit regionalem Handel zurückgefallen (die Gründung der Universität von 1457 lag noch einige Jahre in der Zukunft), lebte aber immerhin in einer längeren Friedensperiode. Und des einen Nachteil war des andern Vorteil: Mit dem Ende der Vorherrschaft durch Adel und reicher Kaufmannschaft (den sogenannten „Geschlechtern“) begann die Stunde der Handwerkerzünfte, die fortan die Hälfte der Ratssitze stellten und damit auch der Ämter wie Stadtgericht, Kaufhausverwaltung, Münster- und Spitalpflege. Auch die in Freiburg überaus zahlreich angesiedelten Klöster spielten eine wichtige Rolle im Leben der Stadt.

Eine historische Besonderheit zur Zeit meiner Romanhandlung sei hier noch erwähnt. Als Teil der österreichischen Vorlande unterstand Freiburg jahrhundertelang (1368 bis 1805) den Habsburgern – doch für die Jahre zwischen 1415 und 1427 war die Stadt ihren Habsburger Regenten los, da sie von dem deutschen König und späteren Kaiser Sigismund in den Rang einer freien Reichsstadt erhoben worden war. Was wiederum mit dem Konstanzer Konzil zu tun hatte…


Das Konstanzer Konzil

files/AstridFritz/bilder ab Vagabundin/Konzilssitzung_Muenster Richental.jpgDie katholische Kirche war in eine tiefe Krise geraten: Seit 1378 beanspruchten zwei Päpste den Heiligen Stuhl, 1409 kam gar ein dritter hinzu. Auf Betreiben dieses „Drittpapstes“, Johannes XXIII., berief König Sigismund das Konzil zu Konstanz ein (5.11.1414 bis 22.04.1418): Die Staatsmänner und Kirchenleute wollten, neben dem Kampf gegen Abtrünnige, die Einheit der Kirche wiederherstellen und die untragbare Spaltung des christlichen Abendlandes beenden. Was am Ende mit der Wahl eines neuen Papstes, Martin V., auch gelang.

Was nun hat Freiburg mit alledem zu schaffen? Der Habsburger Herzog Friedrich IV., seit 1402 Regent der österreichischen Vorlande und damit auch Freiburgs, war jenem Drittpapst Johannes sehr verbunden. Hatte Johannes doch dem finanziell ewig klammen „Herzog mit der leeren Tasche“, wie er vom Volk genannt wurde, großzügig unter die Arme gegriffen. Nur leider fiel Johannes beim König in Ungnade, nachdem er während des Konzils nicht, wie vereinbart, als Papst zurücktrat, um den Weg für Neuwahlen freizumachen. Stattdessen floh er, mit Hilfe Herzog Friedrichs, als Knappe verkleidet über Schaffhausen nach Freiburg, wo er im Predigerkloster bei Unterlinden Unterschlupf fand. Dort wurde der Pechvogel allerdings am 29. April 1415 von König Sigismunds Männern aufgespürt, gefangen genommen und auf das Heidelberger Schloss verbracht. – Mitgefangen, mitgehangen: Über den Fluchthelfer Herzog Friedrich verhängte der König zur Strafe die Reichsacht, seine Breisgaustädte Freiburg, Kenzingen, Endingen und Neuenburg wurden ihm entzogen und reichsfrei gesprochen. (Eine andere Quelle berichtet, der Gegenpapst sei in Breisach gefangen genommen worden.)

Übrigens war Konstanz zur Zeit des Konzils nicht nur Stätte der Glaubensreformation, des Ringens um ein vereintes christliches Abendland, sondern ebenso des weltlichen Vergnügens. Die geschätzten 50.000 bis 70.000 Konzilbesucher (das Zehnfache der Einwohnerschaft!) wollten sich auch amüsieren – in jeder Hinsicht: Um die 700 Prostituierte, weiß ein zeitgenössischer Chronist zu berichten, boten in städtischen und privaten Bordellen den Teilnehmern ihre Dienste an, die zahlreichen „heimlichen Frauen“ und Wanderhuren nicht mitgezählt. Darüber sollten wir Heutigen uns nicht wundern, war doch das 15. Jahrhundert die Hochzeit der Prostitution. Im Hafen erinnert heute die Imperia, die nicht unumstrittene Statue einer üppigen Kurtisane des Bildhauers Peter Lenk, an die weltlichen Bedürfnisse der geistlichen Fürsten.


Beginen in Freiburg

files/AstridFritz/bilder ab Vagabundin/beginen Arbeit 200px.jpgDie Heldin Serafina Stadlerin ist meiner Phantasie entsprungen. Ihr Lebensumfeld indessen habe sorgfältig recherchiert. Zu jener Zeit um 1400 gab es in Freiburg neben den zahlreichen Klöstern geschätzte acht bis elf Schwesternsammlungen, die in Freiburg Regelhäuser genannt wurden. Der Begriff Begine (Männer nannte man Begarden) fällt in den dortigen Quellen selten, auch wenn die frommen Frauen sich in deren Tradition sahen. Überhaupt sind die Nachrichten über diese freien Sammlungen, die sich keinem der ansässigen Orden unterwarfen (auch wenn sie geistlich von den Bettelorden betreut wurden) eher spärlich. Hinzu kommt, dass sich die Namen immer mal wieder änderten, Regelhäuser zusammengelegt wurden oder, gegen Ende des Mittelalters, sich eine Sammlung dem Druck von oben beugte und in einem der gängigen Klosterorden aufging. Der Kirche wie der städtischen Obrigkeit nämlich waren diese ungebunden und nicht selten freigeistigen Frauen ein Dorn im Auge.

Unter anderem werden in den Quellen folgende Regelhäuser erwähnt, die zumeist nach ihren Stifterinnen benannt sind: „Die Schwestern zum Lämmlein“ (Gauchstraße, Ecke Merianstraße), „Der Kötzin Regelhaus“ (Franziskanerstraße 9), „Der Ederlin Regelhaus“ (Merianstraße 5), „Der Thurnerin Regelhaus“ (Schiffstraße 14), „Der Regelschwestern zum Grünen Wald (Gründwälderstraße 8-12) sowie die von mir zu Protagonisten erkorenen „Schwestern zu Sankt Christoffel (Brunnenstraße 1, im Bereich der heutigen Universitätskirche). Anders als an den großen Beginenhöfen von Köln, Brügge oder Gent lebten in Freiburg zumeist nur eine Handvoll Frauen zusammen.


Beginen – die Sozialarbeiterinnen des Mittelalters

files/AstridFritz/bilder ab Vagabundin/Beginen_Hospital 200px.jpgWer waren nun diese Beginen oder „armen Schwestern“? Zunächst eine Lebensgemeinschaft christlicher Frauen, die nach ihrer Hausregel ein frommes, eheloses Leben führten und sich dem Dienst am Mitmenschen widmeten: Der Krankenpflege, der Sterbebegleitung und als sogenannte Seelschwestern dem Gebet für die Toten. Hierzu gingen sie in die Spitäler, in die Leprosen- und Pesthäuser oder besuchten die Menschen zu Hause. Von der Kirche immer wieder als Ketzerinnen verfolgt, wurde andererseits ihre tätige Nächstenliebe gerade nach Seuchenwellen unentbehrlich, da sie die Lücke zwischen der ursprünglich klösterlichen Caritas und der sich erst langsam entwickelnden städtischen Fürsorge überbrückten.

Sie blieben also in der Welt. Anders als die Klosternonnen, die in Klausur lebten, sahen sie sich weniger als „Bräute Christi“ denn als „Haushälterinnen Gottes“. Ihr Tag strukturierte sich nicht nach festen Stundengebeten, sondern nach ihren karikativen Aufgaben. Wobei auch hier das Gebet eine große Rolle spielte. In ihrem Leben in freiwilliger Armut nach dem Vorbild der Urkirche und der Apostel arbeiteten sie für ihren Unterhalt, manche gingen sogar einem Gewerbe nach und zahlten Steuern. Wer Besitz hatte, brachte ihn ein. Sie wirtschafteten und organisierten sich selbständig, wählen in der Regel ihre Meisterin selbst, entschieden gemeinsam über Neuaufnahmen oder Ausschluss, legten jährlich ein Gehorsamsgelübde ab und lebten im Übrigen ohne Hierarchie, von jener zwischen Meisterin zu den übrigen Frauen abgesehen.

Ganz im Gegensatz zu den Frauenklöstern besaßen sie also ein großes Maß an Freiheit und Selbstverwaltung. Und auch im Gegensatz zum Eheleben, das der männlichen Vormundschaft unterworfen war. Gerade für alleinstehende oder verwitwete Frauen bot dieser geschützte Freiraum somit eine echte Alternative. Fast schon könnte man das Beginentum, von den religiösen Aspekten einmal abgesehen, als einen Vorläufer der modernen Frauenbewegung bezeichnen...

 

Der Basler Beginenstreit
(zum 4. Band „Tod im Höllental“)

files/AstridFritz/Bilder ab Henkersmarie und Sera3/Basel-Merian um 1650.JPGTrotz ihrer Bedeutung für die mittelalterliche Sozialfürsorge gerieten die Beginen seitens Kirche und Obrigkeit immer wieder unter Ketzereiverdacht – ihrer unkonventionellen Lebensweise wegen, aber auch durch ihre eigenwillige Glaubensauslegung bis hin zur Mystik.

Für meinen Roman „Tod im Höllental“ spielt der sogenannte Basler Beginenstreit eine große Rolle. Nachdem Basel ein Zentrum der Mystik geworden war, setzten um 1405 geistliche und weltliche Obrigkeit zur Inquisition an. Vor allem die Beginen und (männliche) Begarden, die eine „vita religiosa“ ohne Ordensregel führen wollten, gerieten unter Generalverdacht - ein häufiger Vorwurf lautete, dass sie in den Bürgerhäusern ein und aus gingen, um dort zu predigen, die Beichte abzunehmen und sogar zu übernachten.

Allen voran schmähte der Hassprediger und Dominikanermönch Johannes Mulberg sie als Schmarotzer und  „Milchkühe“ der Franziskaner (jenem Bettelorden, dem die Beginen traditionell verbunden waren). Unterstützt wurde er von dem Basler Bischof Humbert von Neuenburg, der auch in meinem Roman erwähnt wird. Der Streit gipfelte in langwierigen Gerichtsprozessen unter Bischof Humbert, bis der schließlich 1411 die Vertreibung der rund 400 Beginen aus seinem Bistum verfügte und deren gesamtes Vermögen einzog. Die Bitte der Franziskaner an den Konstanzer Bischof, schlichtend einzugreifen, war übrigens leider vergebens gewesen.

„Immundus et leprosus“ – die Aussätzigen im Mittalter
(zum 3. Band „Das Siechenhaus“)

files/AstridFritz/Bilder ab Henkersmarie und Sera3/Siechenbeschau_Feldtbuch der Wundartzney_1517.jpgIm Jahre 1468 gab es in Freiburg den Fall des Conrad Sybott, der einem schlimmen Verdacht zum Opfer fiel. Bei seiner Krankheit sollte es sich um den Aussatz, also um Lepra handeln, wie die zwei geschworenen Wundärzte der Stadt in ihrer Beschau feststellten. Standen im amtlichen Beschaubrief erst einmal die abschließenden Worte „immundus et leprosus“ (unrein und an Lepra erkrankt), kam dies einem Todesurteil gleich, wobei uns Heutige schon die Wortwahl schaudern lässt: Der Untersuchte wird zu seiner Krankheit „verurteilt“ oder ist der Krankheit „schuldig“/“unschuldig“. In vielen Gegenden, wie in Frankreich oder im Elsass, wurde der Kranke anschließend mit einer kirchlichen Aussegnung, einer Totenmesse gleich, symbolisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen (für Freiburg gibt es zu diesem Aspekt keine Quellen).

Zwei Lebensentwürfe standen einem nach einem solchen Urteil bevor: Entweder wurde man für immer der Stadt verwiesen und musste künftig als Unberührbarer, mit Klapper, Stock und im Gewand der Aussätzigen, ziellos und bettelnd durch die Lande ziehen oder man erhielt einen Platz im städtischen Siechenhaus draußen auf dem Felde, wo man einem Gefangenen gleich und unter strenger, klosterähnlicher Ordnung, den Rest seines Lebens fristete - doch wenigstens war für einen gesorgt. Was uns heute grausam anmutet: Anders als mit Ausgrenzung wussten sich die Menschen damals gegen die vermeintlich hochansteckende Lepra nicht zu helfen. Allein in Deutschland gab es fast eintausend solcher Siechenhäuser.

files/AstridFritz/Bilder ab Henkersmarie und Sera3/Leprosenhaus Volkach.jpgConrad Sybott, der eine Intrige seiner Frau und seines Schwagers vermutete, mit dem Ziel, an sein Vermögen zu kommen, schlug einen ungewöhnlichen dritten Weg ein: Er wanderte nach Basel und Konstanz, wo es überregionale „Schauzentren“ gab, und holte sich Gegengutachten, die seine „unschult und gesuntheit“ bestätigten. Damit vermochte er beim Freiburger Rat, der über das Gesundheitswesen wachte, eine Nachuntersuchung zu erwirken. Doch das nützte ihm nichts: Die Ärzte beharrten auf ihren Befund und verwehrten ihm, zu Weib und Kind zurückzukehren und über sein Eigentum zu verfügen. Waren der Rat wie auch die untersuchenden Ärzte bestochen worden? Wollte man ihn loswerden? Man weiß es nicht, doch Sybotts Leben war ruiniert – allem Anschein nach verbrachte er die Jahre, die ihm noch verblieben, als Insasse des Freiburger Gutleuthaus, wie man im Süddeutschen die Leprosenhäuser nannte. In Freiburg befand es sich in etwa auf dem Zwickel zwischen Basler Landstraße und Kronenstraße, unweit der Hinrichtungsstätte „Am Radacker“.

Dieser historische Vorfall inspirierte mich zu meinem Krimi „Das Siechenhaus“. Zum Zeitpunkt der Romanhandlung allerdings, dem Jahre 1416, wurden die vermeintlich Aussätzigen, in Freiburg wie anderswo, noch durch den Siechenmeister und zwei seiner leprakranken „Prüfmeister“ untersucht, die für die Schau „all ihre fünf Sinne und beste Wissenschaft gebrauchen“ sollten und dabei nach einem festgelegten Symptom-Katalog vorgingen. Erst im Laufe des 15. Jahrhunderts setzten sich vereidigte Wund- und Stadtärzte oder auch Gelehrte der Universitäten als Prüfer durch – der vielen Fehlurteile wegen! Dass es diese weiterhin gab, wie der Fall Sybott zeigt, liegt indessen auch an der Unsicherheit, mit der man dieser schrecklichen Krankheit gegenüberstand. Sie im Spätstadium zu erkennen, wenn bereits Finger und Zehen abfaulten und das Gesicht zu einer knotigen, tierhaften Maske entstellt war, war ein Leichtes. Doch man wollte sie frühzeitig erkennen, um Ansteckung zu verhindern – und da führten auffällige Hauterkrankungen wie schuppige Haut oder Krätze schnell zu der fatalen Diagnose „Aussatz“.

files/AstridFritz/Bilder ab Henkersmarie und Sera3/lepra und Wundarzt um 1200.jpgDie Mitmenschen reagierten auf eine solche Diagnose in einer Mischung aus Grauen und Ekel, Ablehnung und Mitleid. Glaubte man in der späteren Renaissance an einen Zusammenhang zwischen Lepra und moralischem/sexuellem Fehlverhalten, betrachtete man im Mittelalter die Aussätzigen noch als Nachfolger des armen Lazarus oder des leidenden Hiob - als von Gott auserwählte Menschen also, die schon während ihres irdischen Lebens ihre Sünden abbüßten. So gab man reichlich Almosen und gedachte der „Guten Leute“ in seinen Gebeten, mied sie aber zugleich voller Angst. Wer sich um sie kümmerte, waren indessen die frommen Bruderschaften und Schwesternsammlungen, sah man in ihnen doch die Verkörperung der Leiden Christi und eine Gelegenheit, besonders gottgefällige Werke zu verrichten.


Juden – die ungeliebten Mitbürger
(zum 2. Band „Hostienfrevel“)

files/AstridFritz/bilder ab Vagabundin/Disput Scholasten 1483.jpg Bis zur Großen Pest 1349 lebten die Juden am Oberrhein über zweihundert Jahre lang in friedlicher Nachbarschaft mit den Christen, unbehelligt in ihrem Glauben wie ihren Geschäften. In Freiburg hatten sie sich im Bereich der heutigen Wasser- sowie Weberstraße angesiedelt hatten, wo auch ihre Synagoge stand. Zumeist arbeiteten sie als Münzwechsler, Pfandleiher und Fernhändler oder als Handwerker für den eigenen Bedarf – da ihnen der Zugang zu den christlichen Zünften natürlich verwehrt war. Dann aber, unter der Bedrohung der nahenden Pest, sah man die Juden als deren Verursacher, bezichtigte sie der Brunnenvergiftung, einer weltweiten Verschwörung gegen die Christenheit! So wurden am 30. Januar 1349 alle Freiburger Juden, bis auf eine Handvoll Schwangere und Kleinkinder, verbrannt – etliche Monate vor Ausbruch der Pest, die dann doch über die Stadt hereinbrach! Dass mit diesem grausamen Pogrom etliche Bürger ganz nebenbei ihre Schulden los waren, gehört mit zu den Hintergründen, die ich in meinem Roman „Der Pestengel von Freiburg“ versucht habe aufzuarbeiten.

Nach der Vernichtung ihrer Gemeinde hatten sich seit etwa 1360 wieder zögerlich Juden in Freiburg niedergelassen, auch eine Synagoge und ein Judenschulmeister werden in den Quellen erwähnt. Ihr Brot verdienten sie sich wie zuvor vor allem im Fernhandel und im Geldwesen. Allerdings lebten sie unter entwürdigenden Vorschriften wie Kleiderzwang, Geleitzoll oder Ausgehverbot in der Karwoche. Immer wieder drohte ihnen die Enteignung, indem sie Schuldscheine aushändigen mussten oder die Schulden der Stadt bei ihnen für nichtig erklärt wurden. Die Diskriminierung nahm also wieder bedrohlich zu.

Mein Roman „Hostienfrevel“ spielt im Herbst 1415. Der Stadtrat hatte 1401 beschlossen (nicht nur in Freiburg, auch anderswo), „daz da kein Jude ze Friburg niemmerme sin sol“. Die Juden wurden ausgewiesen, ihre Synagoge als Zeughaus beschlagnahmt, ortsfremde Juden mussten am Tor warten, bis ein Stadtknecht kam und sie gegen stündliche Bezahlung bei ihren Wegen begleitete. Und doch erhielten wenige Jahre später drei jüdische Familien eine Art Sondergenehmigung: Der damalige Habsburger Herrscher Herzog Friedrich erlaubte dem Juden Salomon und zwei weiteren Glaubensgenossen gegen Bezahlung Wohnrecht und Gewerbelizenz, was vom Rat in der kurzen Zeit als Freie Reichstadt sogar verlängert wurde - gegen Verdoppelung der Abgaben, versteht sich! Womöglich wurde der Druck der Bürger, was die nach wie vor ungeliebten „Hebräer“ betraf, zu groß – jedenfalls befahl König Sigismund auf Bitten des Stadtrats die endgültige Ausweisung aller Juden aus Freiburg, und zwar für alle Zeiten. Freiburg blieb „judenfrei“ bis 1864.


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