Hintergrundinformationen - "Der Turm aus Licht"

 

Das Münster Unserer Lieben Frau

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/Enslen_Freiburger_Muenster klein.jpgDas Freiburger Münster, unter dem letzten Zähringerherzog Bertold V. um 1200 noch im romanischen Baustil begonnen (Querhaus und Unterbau der Hahnentürme am Chor zeugen davon), wurde zu einer der schönsten gotischen Großkirchen im deutschen Sprachraum und war bereits im Mittelalter vollendet. Es ersetzte die sehr viel kleinere konradinische Basilika des Zähringer Stadtgründers Konrad und war von Anfang an der Muttergottes geweiht. Der alte Name „Unser lieben Frauen Münster“ weist übrigens nicht auf einen Plural hin, sondern einen alten Genitiv. Und Münster wurde die Kirche schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts genannt, obschon sie eine reine Pfarrkirche war. Vor allem im südwestdeutschen Raum wurde der Begriff nicht selten zur Bezeichnung bedeutender Stadt- und Stiftskirchen benutzt – als ein Ausdruck des Bürgerstolzes. Zur Kathedrale, also einer Bischofskirche, wurde sie erst 1827.

Aus den Anfangszeiten des Kirchenbaus und erst recht über den Bau des Turms gibt es leider kaum schriftlichen Quellen, und auch die kunstgeschichtliche Forschung ist sich in Vielem uneins. Was mir als Autorin andererseits viel Raum für Fantasie gab.


Die „französische Bauweise“

Bis heute faszinieren uns die gotischen Kathedralen in ihrer filigranen, himmelwärts strebenden Architektur. Mit ihnen haben wir eine unfassbare Meisterleitung vor Augen, die die Baumeister und Werkleute im Mittelalter ganz ohne unsere heutigen Hilfsmittel erbracht haben und die dennoch viele Jahrhunderte überdauerten – ganz im Gegensatz zur Baukultur der Moderne.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Strebewerk Suedseite.JPGZeitgenossen sprachen von der „neuen“ oder „französischen“ Bauweise, da die Abteikirche von Saint-Denis nördlich von Paris zum großen Vorbild wurde. Die Gotik als kunsthistorischer Begriff ist weitaus später aufgekommen und war ursprünglich abwertend gemeint, im Sinne von „barbarisch“. Sie umfasst die Periode zwischen Mitte des 12. und Anfang des 16. Jahrhunderts und löst die sehr viel gedrungener wirkende Romanik ab. Repräsentiert wird sie vor allem durch die gotische Großkirche, einem Gesamtkunstwerk aus Architektur, Bildhauerei und Glasmalerei. Herausragendes Merkmal ist der Verbund aus Kreuzrippengewölbe, Lichtfülle infolge vergrößerter Fensterflächen und verringerter Mauermasse, Spitzbogenarchitektur, Maßwerk und zahlreichen Schmuckelementen sowie dem skelettartigen Strebewerk aus Pfeilern und Bögen.


Der Turm aus Licht

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/Domenico_Quaglio_Ansicht_des_Freiburger_Muensters,_1821_klein.jpgIn meinem Roman habe ich mich auf den Bau des einzigartigen gotische Westturms des Münsters beschränkt, bis zu dessen Fertigstellung immerhin sechzig Jahre vergingen (1270 bis 1330). Was zu einem Gutteil den Bauunterbrechungen geschuldet war, die wiederum mit dem Kampf der Freiburger um die Bauherrschaft zu tun hatten.

Allein die Höhe von 116 Metern ist beeindruckend, seine Dreiteilung auch für den Laien klar erkennbar: Dem massiven und dennoch harmonisch gegliederten quadratischen Unterbau mit der darin enthaltenen kunstgeschichtlich einzigartigen Vorhalle folgt der Übergang zum Achteck mit offener Architektur. Hierin wurde die typisch gotische Auflösung von Mauermasse in lichtdurchflutete, filigrane Einzelglieder zur Perfektion gebracht.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Turmhelm mit Masswerk.JPGDen baukünstlerischen Höhepunkt indessen bildet die 46 m hohe, nur noch aus Rippen und Maßwerkplatten bestehende Turmspitze. Sie besteht aus über 12.000 Einzelteilen, das innere Gerüst bilden eingelegte Eisenanker – mit ziemlicher Sicherheit eine Erfindung der Freiburger Bauhütte! So wurde denn dieser in der Geschichte der Gotik erste vollständig durchbrochene Steinhelm zum Vorbild für viele europäische Kirchtürme.

Auch wenn es zur Entstehung des Turms kaum gesicherte Daten gibt, ist inzwischen nahezu unbestritten, dass er nach dem Entwurf Erwins von Steinbach (1244-1318) erbaut wurde, jenes damals schon berühmten Baumeister des Straßburger Münsters. Zumindest, was die einzigartige Ausführung ab der sogenannten Sterngalerie oberhalb des quadratischen Unterbaus betrifft, wovon zahlreiche Abschriften und möglicherweise auch ein Originalplan vom Ende des 13. Jahrhunderts zeugen.


Das Unternehmen Fabrica

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Koelhoffsche chronik 1499 Bauhuette.jpgZu jedem gotischen Kirchenneubau gehörte eine Kirchenfabrik oder ein Werk. Erstmals um 1295 wird in einer Urkunde „Unser Frauen Werk zu dem Münster zu Freiburg“ erwähnt, im Jahre 1311 dann ein bürgerlicher Münsterpfleger (s.u.) namens Gottfried von Schlettstadt. Bevor die Bürger um 1300 die Bauherrschaft übernahmen, hatten zunächst die Zähringerherzöge, dann die Grafen von Freiburg das Sagen über „Unser lieben Frauen Bau“, wenngleich sich die Freiburger schon damals durch hohe Opfer- und Spendenbereitschaft hervortaten.

Bei der Münsterfabrik handelte es sich um eine durchaus „moderne“ Unternehmensform, die die Baulast und Bauleitung trug. Sie stand unter der obersten Leitung und Aufsicht hoher Verwaltungs- und Finanzbeamter: Der Schaffner, zumeist ein Geistlicher, fungierte als oberster Verwalter und war verantwortlich für Rechnungsführung, Materialbeschaffung, Lohnzahlung und Bauaufsicht; der Münsterpfleger (mit Übernahme der bürgerlichen Bauherrschaft von einem, später drei Ratsherren gestellt) fungierte als Finanzverwalter inklusive Kontrolle und Rechnungsprüfung. Der Schaffner war dem (weltlichen) Münsterpfleger und damit dem Stadtrat rechenschaftspflichtig.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Staende_Amman_Die_Pfaffen 1568.jpgIn Freiburg kam noch der Pfarrrektor hinzu, der ebenfalls zum Aufsichtsgremium gehörte: Da sich die Grafen das Recht herausnahmen, mit ihren nachgeborenen Grafensöhnen die Stadtpfarrer zu stellen, diese aber zumeist ohne Priesterweihe waren, traten sie kaum in Erscheinung, sondern bedienten sich nur der reichen Pfarrpfründe. Ihre geistlichen Vertreter waren die sogenannten Leutpriester.

In die Fabrica integriert war die Bruderschaft der Steinmetze, die sogenannte Bauhütte, wobei es nicht selten Kompetenzstreitigkeiten gab zwischen dem Baumeister als Architekten und Vorsteher der Steinmetze (seitens des Kirchenwerks auch Werkmeister genannt) und der Leitung der Fabrica.


Baumeister und Bauhütte

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Baumeister_-_Holzschnitt_von_Jost_Amman_-_1536.svg.jpgDer Begriff Bau- oder Steinhütte bezeichnete ursprünglich nur die Gebäude: Neben einer befestigte Haupthütte für die Arbeit der Bildhauer und zum Übernachten gab es mehrere mobile, offene Lauben, die je nach Baufortschritt an anderer Stelle errichtet wurden. Im Laufe der Zeit ging der Begriff auf die Bruderschaft über.

Die straffe Organisation der Kirchensteinmetze mit all ihren Ritualen, wie sie später in die Freimaurerlogen eingegangen sind, war zur Zeit meines Romans erst im Entstehen. Diese festigte sich dann, mit schriftlichen Statuten und festen Riten, im 14./15. Jahrhundert, mit übergeordneten Bauhütten wie z. B. in Straßburg. Man sah sich aber von Anfang an als freie Handwerker, die sich keinen städtischen Zünften unterwarfen. Das Wissen wurde zunächst noch mündlich weitergegeben, handschriftliche Musterbücher mit Maßwerk- und Profilmustern gab es aber schon seit dem frühen 13. Jahrhundert. Später kamen noch Anleitungen zu Entwurfs- und Konstruktionstechnik, zu Geometrie und Statik hinzu, erst recht mit dem Buchdruck.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Erwin_von_Steinbach_(1244-1318).jpgDer Steinmetzbruderschaft standen ein oder manchmal auch mehrere Baumeister vor. Für Freiburg sind bis 1359 (erster namentlich genannter Baumeister ist Johannes von Gmünd) keine Verträge oder Urkunden zu den Baumeistern überliefert. In Nebenquellen ohne genauere Angaben werden aber ein Meister Gerhard von Straßburg, ein Meister Heinrich von Straßburg oder auch ein Peter von Basel genannt. Die Anonymität der damaligen Baumeister wie aller Künstler liegt auch daran, dass sie erst in der Frühen Neuzeit, mit Entdeckung der Individualität, namentlich mit ihren „signierten“ Bildnissen Erscheinung traten. Wobei es ein vermutlich erstes Bildnis am Münsterturm schon um 1300 gibt, als Konsolenbüste unterhalb der Sterngalerie. Es wird meist Heinrich von Straßburg zugesprochen, könnte aber auch den schon zu Lebzeiten berühmten Baumeister Erwin von Steinbach (1244-1318) darstellen.


Die ungeliebte Grafenherrschaft

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Burg_Freiburg_Merian.jpgVon der Stadtgründung bis ins 14. Jahrhundert hatte sich Freiburg mit seinen gut 9000 Bewohnern zur bedeutendsten rechtsrheinischen Stadt zwischen Basel und Frankfurt entwickelt. Die Arbeit der Gold- und Silberschmiede, der Tuchmacher und Kürschner war berühmt, Krämermarkt und jährlicher Jahrmarkt machten Freiburg zur Handelsstadt. Die Silberadern und Eisenerzgruben in den nahen Bergen hatten enorme Gewinne abgeworfen, an denen auch viele Patrizier beteiligt waren. Nachdem die Herrschaft von den Zähringern an die Grafen von Urach übergegangen war, machte das für die Untertanen zunächst keinen Unterschied aus. Gerecht und wohlwollend herrschten Egino I. und sein Sohn Konrad I, die sich fortan Grafen von Freiburg nannten, von ihrem Burgschloss aus, förderten den Kirchenneubau und erkannten den Bürgern vielerlei Rechte zu.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Konrad_II_von_Freiburg.jpgDoch mit Konrads verschwenderischen Nachkommen drehte sich ab 1271, dem Herrschaftsantritt von Egino II., der Wind gewaltig. In Protz und Prunk lebten die Grafen fortan auf ihrem Burgschloss, was man brauchte, holte man sich als Steuer von den Bürgern oder verpfändete Güter an reiche Patrizier und Edelfreie. Kriege und Fehden wurden angezettelt, die die Freiburger durch Begleichen hoher Sühnegelder ausbaden mussten. Und immer wieder drohte die Verpfändung der Stadt. Da begannen sich die Bürger, inzwischen stolz und selbstbewusst, zu wehren, sogar mit Waffengewalt wie im Bischofskrieg von 1299, und ihr Verhältnis zu den Stadtherren wurde immer angespannter.

Die Querelen mit den Grafen hatten allerdings auch ihr Positives: Als Geldgeber der Grafen erkämpfte sich das reiche Stadtpatriziat (und damit der Stadtrat) nach und nach wichtige Rechte, wie Bündnisfreiheit mit anderen Städten, Verbrauchssteuern (Ungeld), Zölle, Markthoheit oder Münzprägung. Das Recht, in den Silberminen rund um Freiburg zu schürfen, hatten die Patrizier und Kaufleute den ewig verschuldeten Grafen schon früh abgekauft und damit ihren Reichtum vermehrt. Um 1300 ertrotzte man sich auch die Bauherrschaft über die Pfarrkirche, der neue Westturm wurde zum Wahrzeichen des Bürgerstolzes.

Der Neubau von Unserer Lieben Frau ist also eng verknüpft mit dem Kampf der immer selbstbewusster werdenden Bürgerschaft gegen ihre ungeliebten Stadtherren. 1368 gelang es den Freiburgern schließlich, sich mit einer enormen Summe von der verhassten Grafenherrschaft loszukaufen. Sie unterstellten sich freiwillig dem Schutz der Habsburger, in dem sie bis 1806 verblieben.


Das Personal und der Mythos Sabina von Steinbach

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Steinmetz-Ammann 1568.jpgDer Freiburger Münsterturm stellt sozusagen die Hauptfigur meines Romans dar, um ihn herum kreisen die Schicksale der Protagonisten, die da sind: leidenschaftliche Baumeister und Steinmetze, aufstrebende Kaufleute, eigensüchtige Ratsherren, verschwenderische Grafen, machtbewusste Kirchenleute, Mägde, Knechte und Bettler. Und immer wieder sind es die Frauen, die die Zügel in die Hand nehmen. Die Charaktere sind frei erfunden, wobei ich mich bei den Namen der damaligen Amtsträger und Patrizier (früher Geschlechter genannt) an den stadtgeschichtlichen Quellen orientiere.

files/AstridFritz/Bilder ab Hexenjaeger und Sera 5/TL Moritz_von_Schwind_Sabina_von_Steinbach_1844.jpgEin Sonderfall ist die Figur der Sabina von Steinbach, Tochter des oben erwähnten Straßburger Baumeisters Erwin von Steinbach, dem Schöpfer des Freiburger Münsterturms. Ob sie tatsächlich als Steinmetzin gelebt hat, ist umstritten – die Romantik des 19. Jahrhunderts hatte sie jedenfalls wiederentdeckt. Angeblich soll sie das Figurenpaar Ecclesia und Synagoge am Straßburger Südportal geschaffen haben, und es entstanden zahlreiche Legenden um sie. Nun waren im Mittelalter, ganz im Gegensatz zu den späteren Jahrhunderten, zünftige Handwerkerinnen und Kauffrauen keine Seltenheit – erst mit zunehmender Abschottung der Zünfte und Ausgrenzung der Frauen wurden ihnen diese beruflichen Möglichkeiten genommen. Warum also keine Steinmetzin Sabina? So habe ich sie symbolhaft aufgeführt für alle Künstlerinnen vergangener Jahrhunderte, die es sehr wohl gab, aber nirgends belegt sind.

nach oben
zurück zum Buch